Weitergedacht #17 - Beliebt oder verantwortlich? Oder: Das Politbarometer und die Angst vor dem Absturz

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Worum es in diesem Essay geht

Jede Woche erscheinen neue Beliebtheitswerte deutscher Politiker. Die Ranglisten werden analysiert, kommentiert und diskutiert, als wären sie Tabellenstände in einer Bundesliga-Saison. Doch ist Beliebtheit überhaupt der richtige Maßstab für politische Führung? Oder verleitet die ständige Vermessung der Zustimmung dazu, schwierige Entscheidungen zu vermeiden?

In Weitergedacht #17 geht es um den Unterschied zwischen Aufmerksamkeit und Vertrauen – und um die Frage, welche Eigenschaften wir von Politikern eigentlich erwarten sollten.

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Beliebt oder verantwortlich?

Jeden Freitag veröffentlicht das ZDF-Politbarometer die aktuellen Beliebtheitswerte deutscher Politiker. Die Rangliste wird kommentiert, verglichen und analysiert. Wer gewinnt hinzu? Wer verliert? Wer liegt vorn? Wer stürzt ab?

Die Zahlen sind längst Teil der politischen Berichterstattung geworden. Und doch frage ich mich manchmal, ob schon der Begriff einen Denkfehler enthält. Denn was bedeutet eigentlich „Beliebtheit“?

Das Wort wird verwendet für Schauspieler, Sänger, Sportler oder Influencer. Dort ist Beliebtheit ein nachvollziehbarer Maßstab. Wer unterhält, begeistert oder inspiriert, gewinnt Zustimmung. Aufmerksamkeit ist dort die wichtigste Währung. In der Politik sollte die wichtigste Währung jedoch Vertrauen sein. Das ist nicht dasselbe.

Ein Politiker kann beliebt sein, weil er sympathisch wirkt, gut kommuniziert oder den Menschen nach dem Mund redet. Ob seine Entscheidungen richtig, nachhaltig oder verantwortungsvoll sind, sagt das zunächst nicht aus. Umgekehrt kann ein Politiker unpopuläre Entscheidungen treffen und dennoch verantwortungsvoll handeln.

Eigentlich kennen wir dieses Prinzip aus vielen Bereichen des Lebens.

Ein Arzt verschreibt nicht das Medikament, das dem Patienten am besten gefällt, sondern das, das seiner Gesundheit dient.
Eltern treffen Entscheidungen, die ihre Kinder nicht immer begrüßen.
Lehrer vergeben keine guten Noten, weil sie beliebt sein möchten.

Warum sollte ausgerechnet Politik anders funktionieren?

Große Reformen waren selten populär. Veränderungen kosten Geld, verlangen Verzicht oder fordern neue Gewohnheiten. Wer etwas verändern will, muss häufig zunächst Widerstände überwinden. Zustimmung kommt oft erst im Rückblick.

Doch was passiert, wenn Politiker Woche für Woche beobachten können, wie jede Entscheidung ihre Beliebtheitswerte beeinflusst?
Entsteht dann nicht zwangsläufig die Versuchung, Risiken zu vermeiden?

Vielleicht verschiebt sich die entscheidende Frage unmerklich. Nicht mehr: „Ist diese Entscheidung richtig?“ Sondern: „Wie kommt diese Entscheidung an?“

Demokratie lebt selbstverständlich von Zustimmung. Politiker müssen erklären, überzeugen und Mehrheiten gewinnen. Niemand möchte von einer Regierung regiert werden, die sich dauerhaft über den Willen der Bürger hinwegsetzt. Aber Demokratie braucht noch etwas anderes: Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung bedeutet manchmal, Entscheidungen zu treffen, die kurzfristig Kritik auslösen, langfristig jedoch notwendig sind.

Wer nur auf Zustimmung achtet, wird zum Verwalter von Stimmungen.
Wer Verantwortung übernimmt, muss gelegentlich auch Unbeliebtheit aushalten können.

Vielleicht wäre es deshalb interessant, nicht nur nach Beliebtheit zu fragen.

Wie vertrauenswürdig erscheint ein Politiker?
Wie kompetent?
Wie glaubwürdig?
Wie konsequent?
Wie lösungsorientiert?

Das wären Eigenschaften, die dem eigentlichen Wesen politischer Führung möglicherweise näherkommen als die Frage, ob jemand gerade beliebt ist. Denn Aufmerksamkeit und Vertrauen sind nicht dasselbe.

Aufmerksamkeit gewinnt man oft durch die richtigen Worte.
Vertrauen entsteht durch die richtigen Entscheidungen.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied, den wir wieder stärker in den Blick nehmen sollten.

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