Weitergedacht #18 - Kinder ja. Abhängigkeit nein. Warum Kinder kein wirtschaftliches Risiko sein sollten.

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Worum es in diesem Essay geht

Wir wünschen uns Kinder, diskutieren über Geburtenraten und Fachkräftemangel. Gleichzeitig erleben viele Frauen, dass Elternschaft noch immer mit finanziellen Risiken verbunden sein kann. Warum ist das so? Und wie familienfreundlich sind unsere sozialen Sicherungssysteme wirklich? Ein Weitergedacht-Beitrag über Eigenständigkeit, Verantwortung und soziale Gerechtigkeit.

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Kinder ja. Abhängigkeit nein.

Es beginnt mit einer Situation, die auf den ersten Blick unspektakulär wirkt.

Eine junge Frau lebt mit ihrem Partner zusammen. Sie haben ein gemeinsames Kind. Das Elterngeld läuft aus. Die Rückkehr in den Beruf ist noch nicht möglich – vielleicht fehlt ein Betreuungsplatz, vielleicht passen die Arbeitszeiten nicht, vielleicht ist das Kind einfach noch zu klein.

Plötzlich entsteht eine Lücke.

Die junge Mutter hat kein eigenes Einkommen. Gleichzeitig muss sie ihre Krankenversicherung selbst bezahlen. Mehrere Hundert Euro im Monat können schnell zusammenkommen.

Und damit steht eine Frage im Raum, die viele längst für überwunden hielten:

Wer kommt eigentlich für mich auf?

Früher war die Antwort einfach.

Der Ehemann.

Nicht nur gesellschaftlich, sondern auch sozialpolitisch war über Jahrzehnte klar geregelt, wer die Familie ernährt und wer sich um Kinder und Haushalt kümmert. Es gab sogar spezielle Regelungen bei den Krankenkassen, die umgangssprachlich als „Hausfrauentarif“ bezeichnet wurden. Der Begriff klingt heute wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Und doch erzählt er eine Geschichte.

Eine Geschichte über das Frauenbild einer Gesellschaft.

Damals wurde offen davon ausgegangen, dass Frauen wirtschaftlich von ihren Männern abhängig sind. Das galt als normal. Niemand machte ein Geheimnis daraus.

Heute sprechen wir über Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und die freie Gestaltung von Lebensentwürfen. Frauen sind besser ausgebildet als je zuvor. Viele stehen mitten im Berufsleben, gründen Unternehmen, führen Betriebe, übernehmen Verantwortung.

Und trotzdem begegnet man noch immer Situationen, in denen eine Mutter nach der Geburt eines Kindes plötzlich ohne eigenes Einkommen dasteht.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit ist nicht verschwunden.

Sie hat lediglich ihre Form verändert.

Natürlich gibt es gute Gründe, warum Familien füreinander einstehen. Partnerschaft bedeutet Verantwortung. Wer gemeinsam Kinder bekommt, trägt auch gemeinsam Verantwortung für deren Erziehung und Versorgung.

Doch genau darum geht es nicht.

Die eigentliche Frage lautet:

Warum ist die Entscheidung für ein Kind auch heute noch so häufig mit dem Risiko verbunden, die eigene wirtschaftliche Unabhängigkeit zumindest zeitweise zu verlieren?

Dabei wünschen wir uns als Gesellschaft Kinder.

Wir diskutieren über sinkende Geburtenzahlen, Fachkräftemangel und die Zukunft unserer sozialen Sicherungssysteme. Wir wissen, dass die Menschen, die morgen unsere Krankenhäuser betreiben, unsere Handwerksbetriebe führen, unsere Renten finanzieren und unsere Unternehmen gründen, heute in Familien aufwachsen.

Kinder sind keine private Freizeitbeschäftigung.

Sie sind die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft überhaupt eine Zukunft hat.

Umso erstaunlicher ist es, dass die finanziellen Risiken der Kindererziehung noch immer weitgehend bei den einzelnen Familien liegen.

Wer Kinder bekommt, übernimmt Verantwortung.

Aber warum führt diese Verantwortung so oft zu finanzieller Verwundbarkeit?

Diese Frage hat nichts mit Feminismus zu tun und alles mit sozialer Gerechtigkeit.

Denn sie betrifft nicht nur Frauen.

Sie betrifft die Art und Weise, wie eine Gesellschaft Elternschaft bewertet.

In einem früheren Beitrag habe ich den Begriff der „Social-Payback-Balance“ geprägt – die gefühlte Balance zwischen dem, was Menschen in eine Gemeinschaft einbringen, und dem, was sie von ihr zurückerhalten.

Vielleicht lohnt es sich, auch hier einmal genauer hinzusehen.

Eine Mutter, die ein Kind großzieht, erhält Unterstützung. Gleichzeitig leistet sie etwas, von dem die gesamte Gesellschaft profitiert. Die zukünftigen Steuerzahler, Pflegekräfte, Erzieherinnen, Handwerker, Ingenieurinnen und Unternehmer wachsen nicht in Ministerien auf, sondern in Familien.

Wenn Menschen dennoch das Gefühl bekommen, dass zwischen Leistung und Anerkennung eine Schieflage entsteht, gerät diese Balance ins Wanken. Nicht nur finanziell. Auch gesellschaftlich.

Sollten wir deshalb vielleicht weniger darüber diskutieren, wie Familien ihre Kinder finanzieren sollen und häufiger fragen, wie eine Gesellschaft Elternschaft absichern kann, ohne wirtschaftliche Abhängigkeiten zu fördern.

Der alte Hausfrauentarif ist längst Geschichte.

Die Frage dahinter ist geblieben.

Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Frauen und Männer Kinder bekommen können, ohne dafür mit dem Verlust ihrer wirtschaftlichen Eigenständigkeit bezahlen zu müssen?

Das ist aus meiner Sicht eine der wichtigsten familienpolitischen Fragen unserer Zeit.

Wird die nächste Generation einmal ebenso erstaunt auf unsere heutigen Regelungen blicken, wie wir heute auf den Begriff „Hausfrauentarif“.
Vielleicht erlebe ich das noch.

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