Weitergedacht #23 · Gedanken für morgen

Würdest du Putin dein Herz spenden?

Über Organspende, Nächstenliebe und die Grenzen unserer Hilfsbereitschaft

21. Oktober 2026

Würdest du Putin dein Herz spenden?

Eine merkwürdige Frage, zugegeben. Vielleicht sogar eine unangenehme. Aber sie kam mir in den Sinn, als ich mich mit dem Thema Organspende beschäftigte.

Die christlichen Kirchen bezeichnen Organspende als einen möglichen Akt der Nächstenliebe. Ein schöner Gedanke: Ein Mensch schenkt einem anderen Menschen die Chance, weiterzuleben. Vielleicht sogar über den eigenen Tod hinaus.

Doch was geschieht mit diesem Gedanken, wenn wir uns den Empfänger nicht mehr als einen unbekannten, schwerkranken Menschen vorstellen? Sondern als jemanden, dessen Handlungen wir zutiefst verurteilen?

Zum Beispiel Wladimir Putin.

Ich weiß nicht, wie du diese Frage beantworten würdest. Vielleicht mit einem entschiedenen Nein. Vielleicht mit einem Ja. Vielleicht müsstest du erst einmal darüber nachdenken.

Und genau darum geht es mir.

Wie weit reicht Nächstenliebe?

Wir verwenden dieses Wort häufig, ohne lange darüber nachzudenken. Nächstenliebe klingt nach Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Fürsorge. Nach einer guten Eigenschaft, die wir an anderen schätzen und vielleicht auch an uns selbst.

Aber wer ist eigentlich mein Nächster?

Der Mensch, den ich liebe? Meine Familie, meine Freunde, meine Nachbarn? Jemand, der mir sympathisch ist? Oder auch ein völlig Fremder?

Und was ist mit einem Menschen, den ich nicht mag? Dessen Ansichten ich ablehne? Dessen Handlungen ich für unverzeihlich halte?

Muss ich ihn lieben, um ihm helfen zu können?

Vielleicht liegt hier schon ein Missverständnis. Denn Nächstenliebe muss nicht bedeuten, jemanden gernzuhaben. Sie muss auch nicht bedeuten, seine Überzeugungen zu teilen, seine Handlungen zu entschuldigen oder ihm zu vergeben.

Sie könnte etwas viel Einfacheres bedeuten: In einem anderen Menschen zunächst einmal einen Menschen zu sehen.

Doch ist das wirklich so einfach?

Eine Begegnung, die alles verändert

Stellen wir uns eine andere Situation vor.

Du gehst über die Straße. Vor dir bricht ein Mensch zusammen. Er braucht dringend Hilfe.

Du erkennst ihn. Es ist ausgerechnet jener Mensch, dessen Handlungen du zutiefst verurteilst.

Was tust du?

Vielleicht erschrickst du. Vielleicht zögerst du einen Augenblick. Vielleicht schießen dir Gedanken durch den Kopf, die du unter anderen Umständen niemals laut aussprechen würdest.

Aber würdest du weitergehen?

Oder würdest du dein Telefon nehmen und den Notruf wählen?

Ich vermute, viele Menschen würden helfen. Nicht unbedingt aus Zuneigung. Vielleicht nicht einmal aus einem besonders ausgeprägten Gefühl der Nächstenliebe.

Sondern weil da ein Mensch liegt, der Hilfe braucht.

Und weil sie mit sich selbst nicht vereinbaren könnten, ihn einfach liegen zu lassen.

Das macht seine Handlungen nicht weniger verwerflich. Es bedeutet auch nicht, dass wir ihm vergeben hätten.

Wir haben lediglich entschieden, dass unsere Hilfe nicht davon abhängt, ob wir diesen Menschen mögen.

Und nun das eigene Herz?

Bei der Organspende wird die Frage schwieriger.

Einen Notruf abzusetzen, ist etwas anderes, als nach dem eigenen Tod ein Organ zur Verfügung zu stellen. Das Herz ist zudem mehr als ein medizinisches Organ. In unserer Sprache und Vorstellung ist es der Sitz der Liebe, der Gefühle, manchmal sogar unserer Persönlichkeit.

„Ich schenke dir mein Herz“ – dieser Satz bedeutet gewöhnlich etwas ganz anderes als eine medizinische Transplantation.

Vielleicht berührt uns deshalb gerade die Vorstellung, unser Herz könnte in einem Menschen weiterschlagen, dem wir es niemals freiwillig schenken würden.

Aber ist das Herz nach unserem Tod noch Ausdruck unserer persönlichen Zuneigung?

Oder könnte es dann einfach einem anderen Menschen das Leben retten?

Natürlich ist unsere Ausgangsfrage ein Gedankenexperiment. Bei einer regulären postmortalen Organspende suchen wir uns den Empfänger nicht aus. Wir entscheiden grundsätzlich über die Spende, nicht darüber, welcher bestimmte Mensch das Organ bekommen soll.

Gerade das macht die Frage interessant.

Denn wenn wir einer Organspende zustimmen, müssen wir damit leben können, nicht zu wissen, wem wir helfen.

Nächstenliebe lässt sich nicht verordnen

Die christlichen Kirchen werben seit Jahrzehnten für die Organspende. Sie sehen darin eine Möglichkeit, Nächstenliebe auch über den Tod hinaus zu leben.

Aber sie betonen zugleich etwas Entscheidendes: Es gibt keine christliche Verpflichtung zur Organspende.

Eine Spende ist freiwillig. Auch eine Entscheidung dagegen verdient Respekt.

Das erscheint mir wichtig.

Denn sobald Nächstenliebe zu einer Forderung wird, verändert sie ihren Charakter. Wenn ich einem anderen Menschen vorhalte, er müsse aus Nächstenliebe sein Organ spenden, mache ich aus einer persönlichen Gewissensentscheidung eine moralische Erwartung.

Vielleicht sogar einen Vorwurf.

Aber kann man Nächstenliebe überhaupt verlangen?

Ich glaube, jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, was er darunter versteht und wie weit seine Bereitschaft reicht, anderen zu helfen.

Und dazu gehört auch eine Frage, die wir gelegentlich vergessen:

Darf Nächstenliebe größer sein als die Liebe zu sich selbst?

Wer immer nur gibt, wer die eigenen Bedürfnisse und Grenzen grundsätzlich zurückstellt, hilft vielleicht irgendwann nicht mehr aus freier Entscheidung, sondern aus einem Gefühl der Verpflichtung.

Auch das sollten wir bedenken, bevor wir über die Hilfsbereitschaft anderer urteilen.

Helfen ist nicht dasselbe wie Vergeben

Kehren wir noch einmal zu unserer Ausgangsfrage zurück.

Angenommen, ich würde sagen: Ja, auch Putin dürfte mein Herz bekommen.

Was hätte ich damit eigentlich gesagt?

Nicht, dass ich seine Handlungen billige. Nicht, dass ich ihm vergeben habe. Und schon gar nicht, dass ich mir wünsche, er möge seine Macht behalten oder seine Politik fortsetzen.

Ich hätte lediglich gesagt, dass ich meine Bereitschaft zur Organspende nicht von meiner persönlichen Beurteilung eines möglichen Empfängers abhängig machen möchte.

Und wenn ich Nein sagen würde?

Dann wäre es vielleicht eine ehrliche Antwort auf eine Frage, die mich an die Grenzen meiner Überzeugungen führt.

Müsste ich mich dafür schämen?

Ich denke nicht, dass ein Essay über Nächstenliebe dazu da sein sollte, anderen Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen.

Vielleicht ist es wichtiger, sich die eigene Antwort überhaupt einmal bewusst zu machen.

Was bleibt von der Frage?

Am Anfang stand eine Überlegung zur Organspende.

Inzwischen sind wir bei etwas angekommen, das weit darüber hinausgeht.

Wie gehen wir mit Menschen um, die wir ablehnen? Können wir Mitgefühl empfinden, ohne Zustimmung zu zeigen? Können wir helfen, ohne zu vergeben? Und wie frei ist unsere Hilfsbereitschaft, wenn wir sie selbst zur Pflicht machen?

Die christliche Vorstellung von Nächstenliebe gibt uns einen Anlass, über diese Fragen nachzudenken. Sie nimmt uns die persönliche Entscheidung aber nicht ab.

Vielleicht liegt gerade darin ihr Wert.

Ich muss nicht jeden Menschen lieben. Ich muss auch nicht jede Handlung verzeihen.

Aber ich kann mich fragen, ob meine Bereitschaft zu helfen dort enden soll, wo meine Sympathie endet.

Würdest du Putin dein Herz spenden?

Vielleicht ist die Antwort gar nicht das Wichtigste.

Vielleicht ist es die Frage, die wir uns anschließend stellen:

Was bedeutet Nächstenliebe für mich – wenn es wirklich darauf ankommt?

Weitergedacht · Der Lernende Sozialstaat

Dieses Essay ist ein persönliches Gedankenexperiment. Es wirbt weder für noch gegen Organspende und erhebt keinen Anspruch auf eine allgemeingültige moralische Antwort.